Newsmeldung  

01.10.13 09:47

Rainer Alt zum Smart Banking (Staufenbiel 10/13)

Professor Rainer Alt vom Institut für Wirtschaftsinformatik der Universität Leipzig über das Ende traditioneller Silostrukturen, unkonventionelles Denken und darüber, was Banken von Autoherstellern lernen können.

Herr Alt, welche digitaltechnischen Entwicklungen bestimmen die Finanzbranche?
Die Informationstechnologie ist ein zentraler Enabler für das Bankengeschäft. Drei Entwicklungslinien zeichnen sich ab. Dazu zählen mobile Innovationen, die zu einem zunehmenden Einsatz von Tablets für die Beratung und mobile Zahlungen führen werden. Smartphones sehen wir eher als Instrumente für die Überwachung von Kursen, Märkten oder Konten. Personal Assistants, etwa zur Sprachinteraktion, bilden die Grundlage für neue Interaktionsformen und Anwendungsszenarios.

Tablets sind also im Bankgeschäft angekommen. Was noch?
Soziale Innovationen erweitern die Interaktionskanäle von Banken. Das bringt Vorteile und Risiken mit sich. Einerseits bieten sie die Chance zur Bildung von Communities und gezielteren Konsumentenansprache, andererseits besteht die Gefahr, dass es wie beim Peer-to-Peer-Lending oder Crowdfunding keine Banken mehr braucht. Und wir können Experience Innovations beobachten, die auf eine Verbesserung des Kundenerlebnisses abzielen. Beispiele dafür sind die Optimierung der Kundeninteraktion, etwa Simulationen über alle Vermögenswerte, oder die Einbettung spielerischer Elemente, Gamification genannt. Auch intuitive Visualisierungen gehören dazu, zum Beispiel von Gestensteuerungen.

Was empfehlen Sie Absolventen, die sich für den Arbeitsbereich Digital Banking interessieren?
Studenten sollten Begeisterung für neue technologischen Entwicklungen mitbringen, aber auch das Bankgeschäft selbst verstehen. Die Technologie muss die Anforderungen des Bankkunden unterstützen und sollte idealerweise zu einem Wettbewerbsvorteil des Anbieters führen. Diese Übersetzungsleistung können nur Mitarbeiter bewältigen, die neben der Technologie auch die Abläufe und Strategien eines Finanzdienstleisters nachvollziehen können. Arbeitgeber kommen hier aber nicht mehr nur aus dem klassischen Bankenbereich, sondern sind vermehrt bei Start-ups, Computer- oder Telekommunikationsdienstleistern zu finden.

Können Sie uns einen Überblick über künftige Entwicklungen geben?
Lassen Sie uns dafür kurz auf die Bankenbranche zurückblicken. Seit Jahrzehnten haben sich hier Strukturen entwickelt, die sich langsam verändern. Zuletzt haben mehrere traditionsreiche Bankhäuser ihre Eigenständigkeit verloren und den Strukturwandel nicht bewältigt. Aber genau das bildet eine zentrale Herausforderung aller Innovationsprozesse: das systematische und permanente Hinterfragen bestehender Strukturen. Neue Technologien werden entscheidend dazu beitragen, dass wir den vermeintlichen Gegensatz von Individualisierung und Standardisierung besser auflösen können.

Das heißt konkret?
Automobilhersteller bieten mittlerweile eine mehrere tausend Varianten umfassende Modellpalette an, die größtenteils aber auf Gleichteilen und gemeinsamen Plattformen beruht. Dabei setzen sie auf die Zusammenarbeit mit einem Netzwerk aus Lieferanten und haben sukzessive ihre eigene Fertigungstiefe reduziert. Bei einigen Modellen, etwa dem X3 von BMW oder dem Countryman von Mini, haben die Hersteller sogar die Fahrzeugproduktion – also eine als Kernkompetenz betrachtete Aktivität – an Partner ausgelagert. Wir werden sicher bald ähnliche Konfiguratoren für Finanzprodukte erleben, wie eine weitere Vernetzung hin zu Finanz-Ecosystemen, verbunden mit einer sinkenden Eigenfertigung der Banken.

Wirtschaftsinformatiker sind hier besonders gefragt. Was müssen sie können?
Es gibt kein absolutes Muss. Die Wirtschaftsinformatik verbindet Grundlagen mit Spezialisierungen. Sicher ist es da von Vorteil, wenn die Spezialisierungen eine Affinität zum Gebiet der Finanzinformatik zeigen, also dem Einsatz von IT in Banken und Versicherungen. Im Vordergrund steht aber die Fähigkeit zum interdisziplinären und kreativen Denken. Das Aufbrechen traditioneller Silostrukturen erfordert die Berücksichtigung verschiedener Perspektiven, etwa von Kunden, Aufsichtsbehörden, Fachabteilungen oder IT-Dienstleistern. Je besser es Wirtschaftsinformatikern gelingt, die geschäftlichen Implikationen von informationstechnologischen Innovationen zu erkennen, zu gestalten und lösungsorientiert umzusetzen, desto besser sind ihre Entwicklungschancen.

Welche Qualifikationen werden von Wirtschaftsinformatikern erwartet?
Neben fachlicher Expertise als Grundvoraussetzung müssen Absolventen vor allem eine methodisch-fundierte Arbeitsweise beherrschen. Das umfasst Techniken zur anwender- und kundenorientierten Gestaltung technologischer Potenziale. Sie sind in der Wirtschaftsinformatik in Form von Modellierungs- und Architekturkonzepten etabliert.

Welche Zusatzqualifikationen sehen die Unternehmen besonders gern?
Wie selten zuvor wird die Finanzindustrie von den Einflüssen branchenfremder Wettbewerber und Start-ups geprägt. Während Unternehmen wie Google, Apple oder Telekommunikationsunternehmen konsumentenorientierte Lösungen besitzen, fällt es Banken schwer, etwa eigene App-Stores in den Markt zu bringen. Absolventen, die diese Innovationskultur verstehen, werden künftig auch in vermeintlich trägen Banken gefragt sein.

Haben Sie weitere Tipps für Absolventen, die sich für Smart Banking interessieren?
Versuchen Sie frühzeitig, selbstständig in Lösungen zu denken und versuchen Sie sie umzusetzen – egal ob in Hobby-Projekten, bei Start-ups oder als Werkstudent. Zielen Sie auf den Blick über den Tellerrand. Die Finanzindustrie ist kein isolierter Mikrokosmos, sondern eng mit anderen Lebensbereichen verknüpft. Allerdings ist das in jüngster Vergangenheit oft in Vergessenheit geraten. Wer hier als Wirtschaftsinformatiker den Einstieg sucht, sollte sich auch die Grundlagen im klassischen Banking erarbeiten – man muss die Probleme verstehen, um Lösungen zu finden.

Gibt es ein Erfolgsrezept für die Zukunft?
Noch nie war Wirtschaftsinformatik so universell relevant wie heute. Dabei erkennen wir die Konvergenz zahlreicher Entwicklungen, von Smartphones, Ecosystemen und Standards, deren Auswirkungen sich erst abzeichnen. Verbinden Sie unkonventionelles Denken hinsichtlich der aktuellen Herausforderungen mit den konventionellen Grundlagen, die Sie im Studium erhalten. Die jetzige Absolventengeneration sollte sich ihrer Stärken bewusst sein.

Interview von Thomas Friedenberger (Staufenbiel) mit Prof. Rainer Alt aus 10/2013.

Zur Person
Professor Rainer Alt forscht und lehrt am Institut für Wirtschaftsinformatik der Universität Leipzig. Der Diplom-Kaufmann hat an der Universität Erlangen-Nürnberg studiert und seine Promotion (Dr. oec.) und die Habilitation an der Universität St. Gallen absolviert. Weitere Infos unter banking-innovation.org.



letzte Änderung: 04.07.2017 

Kontakt

Prof. Dr. Rainer Alt

Universität Leipzig
Institut für Wirtschaftsinformatik
Grimmaische Straße 12
D-04109 Leipzig

Tel.: +49 (0)341 / 97 33600
Fax: +49 (0)341 / 97 33612

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